Dieser Abend ist ein trauriger in Katalonien und in Sant Daniel. Der Halbmond glitzert scharf hinter der riesiegen Papel, die ihre letzten Blätter im Herbstwind schüttelt. Ich sitze allein im Hof. Im Radio läuft der Diskurs des Präsidenten Rajoy, der die Maßnahmen zur “Wiederherstellung von Recht und Ordnung in der autonomen Region Katalonien gemäß Artikel 155 der spanischen Konstitution” ankündigt. Absetzung aller Direktiven der katalanischen Regierung, Auflösung der Vertretungen im Ausland (alle außer der in Brüssel), Absetzung des Direktors der autonomen Polizei, und so weiter.
Am Nachmittag, vor nicht einmal 5 Stunden, haben wir aus demselben Radio, an derselben Stelle, aber bei strahlendem Sonnenschein, die Erklärung der katalanischen Republik gehört. Beides waren keine Überraschungen und schon am Nachmittag waren die Begeisterungsstürme der Separatisten in den Straßen von Barcelona eher verhalten – angesichts der zu erwartenden Folgen, an denen die spanische Regierung seit dem Referendum am 1. Oktober keinen Zweifel gelassen hat. Das ganze Dilemma hat sich natürlich schon viel länger angebahnt, aber nicht viele haben geglaubt, dass es wirklich so weit kommen würde. Es ist anzunehmen, dass der Präsident der Generalitat und die “consellers” – quasi die Minister – in den nächsten Tagen verhaftet werden, wenn sie sich nicht ins Ausland absetzen.
Auf allen Seiten liegen die Nerven blank, bei den euforischen Befürwortern der Unabhängigkeit, den Gegnern (Unionistas) und den vielen die wir uns irgendwo dazwischen aufreiben. Es ist ein Wunder, dass es bisher noch nicht zu Ausschreitungen oder Agressionen auf der Bürgerseite gekommen ist. Leider sind es mal wieder die “Españolistas”, die am ehesten gewisse Agressionen zur Schau stellen – heute Nachmittag, während eine Demo mit ziemlich geringer Beteiligung in Barcelona, haben ein paar sehr eifrige von ihnen die Scheiben des katalanischen Radiosenders eingeschlagen.
Ich will mich hier nicht weiter über den Konflikt äußern. En fin, es stehen hier keine guten Zeiten bevor. Aber natürlich nimmt die politische Situation einen großen Teil meiner Zeit und die Stimmung in Anspruch. Ich kann mich kaum auf mein kleines Filmprojektchen konzentrieren, was zusätzlich frustrierend ist.



