
Die Sonne entzündet die ersten Herbstblätter der am oberen Waldrand. Es ist gleich neun Uhr, der Koffer ist fast fertig gepackt. Mir bleiben hier im Mas de la Torre nur noch wenige Stunden, bevor Ros mich abholt und nach Girona bringt. Heute Nachmittag werde ich nach Barcelona fahren und morgen gehts zurück nach Berlin.
Wenn ich hier bliebe, würde ich jetzt die Schaufel nehmen und die Erde für einen Gemüsegarten an der Süd-Ostseite des Schweinestalls umgraben. In den letzten Tagen habe ich große Mengen Kompost versetzt, Steine, Baumstämme und Müll raussortiert und zwei halbwegs sinnvollen Haufen angelegt. Ach so, ja, ich wollte hier einen Kurzfilm machen. Einige von Euch werden mich nach der Rückkehr wohl fragen, wie weit ich damit vorangekommen bin, oder ob es gar schon was zu sehen gibt. Und dann werde ich antworten müssen, dass ich nicht besonders weit gekommen bin. Jedenfalls längst nicht so weit, wie ich es mir vorgestellt hatte.
Ich habe einen Arbeitstitel und einen einem inhaltlichen Entwurf in Form von zusammengeklebten Textschnipseln. Der Entwurf füllt immerhin dreiviertel der Fläche des riesigen Esstisches (für ca. 12 Personen!) im Salon. Entschuldigend werde ich hinzufügen, dass die politischen Ereignisse in Katalonien mich – genau wie die meisten anderen hier – in den ersten 3 Wochen fast ununterbrochen in Atem gehalten hat. Danach ist bei mir – auch bei vielen anderen – aus purer Erschöpfung die Frequenz der Anteilnahme an den Ereignissen zurückgegangen auf ein Niveau, was im Kopf noch ein paar Zellen für andere Aktivitäten übriglässt. Ferner werde ich erklären, dass die besagten Textschnipsel für den inhaltlichen Enwurf des Kurzfilms alle Inhalte der Aufnahmen von Gesprächen und Interviews entahlten, die ich in diesem und im letzten Jahr mit verschiedenen Leuten hier in Sant Daniel gemacht habe. Die ganzen Aufnahemn zu hören und zu transkribieren hat 3 volle Wochen in Anspruch genommen. Zwei wichtige Interviews sind dieses Mal noch dazu gekommen. Es gibt einen roten Faden in dem Ganzen, eher noch ein Knäul, nur die ersten 5 Sekunden sind entwirrt. Tja, nicht so viel…
Die Entschuldigung mit den politischen Ereignissen ist nicht übertrieben und keine Entschuldigung. Außerdem gab es ja auch noch ein paar reguläre Jobs zu bearbeiten. Aber es ist auch wahr, dass ich in den 6 vergangene Wochen viel Zeit damit verbracht habe, hier am Haus und auf dem dazugehörigen Land zu arbeiten. Eine Steintreppe gebaut, das Wasserbecken entleert, gereinigt und mit einem Netz vor den Blättern der großen Pappel geschützt, eine schleifende Tür gekürzt, Bäume gefällt und zu Brennholz zerlegt, Feldränder von Gestrüpp gereinigt, den Orangenbaum im Hof kräftig gestutzt und so fort. Ich glaube, meine Hände sind jetzt noch einen Zentimeter breiter als vorher. Mit einem Kurzfilm wäre das wohl nicht passiert…
Abgesehen davon, dass es mir sehr schwer fällt, diesen Ort zu verlassen und mir etwas mulmig ist, bei dem Gedanken, ab morgen wieder in einer normalen Wohnung zu wohnen, freue ich mich auch auf Berlin, darauf euch alle wieder zusehen und das Stadtleben wieder aufzunehmen. Im nächsten Jahr kann es dann hier weitergehen.





